"That´s Entertainment!" - Eine wissenschaftlich exzellente und erzählerisch brillante Zeitreise durch die lokale Geschichte des Neckartals

Neckar-Alb Reutlingen | 01. März 2026 | Dr. Marco Herz
Wer mit Matthias Raidt die Sülchenkirche in Rottenburg am Neckar betritt, erlebt weit mehr als eine gewöhnliche Kirchenführung. Raidt, Archäologe und Theologe mit außergewöhnlich profundem Wissen, versteht es, Geschichte nicht nur zu erklären, sondern lebendig werden zu lassen.

Mit großer Belesenheit, beeindruckender Detailkenntnis und spürbarer Begeisterung führt er durch Jahrhunderte regionaler Vergangenheit. Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn einst bis nach Troja, wo er an Ausgrabungen der Universität Tübingen im Stile eines Indiana Jones beteiligt war. Als ausgewiesener Rom-Kenner und Autor entsprechender Veröffentlichungen ist er nebenbei ein gefragter Kommentator bei regionalen Veranstaltungen, wenn es darum geht, historische Hintergründe fundiert und zugleich verständlich einzuordnen – nicht zuletzt in Verbindung mit dem Diözesanmuseum Rottenburg.

Im Mittelpunkt seiner Führung stand die eindrucksvolle Grablege unter der Sülchenkirche und die Bischofsgruft. Schon der Name „Sülchen“ verweist möglicherweise auf sehr frühe Wurzeln dieses Ortes im Neckartal. Eine Deutung führt ihn auf „Sulis“ zurück, eine mutmaßliche heidnische Gottheit des frischen Wassers und der Quellen oder aber auch auf die indogermanische Sprachwurzel "sul- oder sal-" für feucht, sumpfig oder schlichtweg: Wasser – analog zur Stadt Bad S(a)ulgau. Ob diese Herleitung endgültig gesichert ist oder nicht – sie macht deutlich, dass dieser Platz bereits lange vor der Christianisierung eine besondere Bedeutung gehabt haben dürfte. Er verwies auch auf ein Neubaugebiet gegenüber der Kirche, wo seinerzeit ebenfalls Gräber aus der frühen Besiedlung gefunden wurden und die damals archäologisch untersucht wurden. Damit konnten unsere Clubmitglieder gedanklich eine Brücke zum letzten Clubabend und den dort von Georg Häußler vorgestellten Grabungsarbeiten und -methoden schlagen. Die heutige Kirche stammt aus dem 15. Jahrhundert, doch unter ihrem Fundament verbergen sich mehrere Vorgängerbauten, die bis in frühmittelalterliche Zeit zurückreichen. Schicht um Schicht legten die Archäologen Zeugnisse frei, die von einer jahrhundertelangen Kontinuität künden.

Die Ausgrabungen selbst dauerten sieben Jahre – eine Zeit, in der die Kirche vollständig geschlossen bleiben musste. Was zunächst wie eine bauliche Maßnahme erschien, entwickelte sich zu einer archäologischen Entdeckung von außergewöhnlicher Tragweite. Den entscheidenden Hinweis lieferte ein Fund, der nicht ins Bild passte: In einem vergleichsweise jungen Grab wurde ein deutlich älterer Gegenstand aus der Alamannenzeit entdeckt. Dieser zeitliche Widerspruch ließ aufhorchen und führte schließlich zur systematischen Freilegung eines weit älteren Gräberfeldes unter der Kirche. So wurde deutlich, dass hier bereits in frühmittelalterlicher Zeit bestattet wurde und dass die spätere Kirche auf einem bedeutenden Bestattungsplatz errichtet worden war.

Besonders eindrucksvoll sind die Grabbeigaben, die Einblicke in Glaubensvorstellungen, gesellschaftliche Stellung und kulturelle Übergänge geben. Schmuckstücke, Fibeln, Waffen oder persönliche Gegenstände erzählen von einer Epoche im Wandel – einer Zeit, in der sich christliche Vorstellungen mit älteren Traditionen überlagerten. Und hier zeigt sich eine besondere Stärke Raidts: Immer wieder schlägt er Brücken in die Gegenwart. Ein schlichter Kamm wird plötzlich mehr als ein Fundstück – er wird zum Alltagsgegenstand, mit dem man sich frisierte oder der ganz pragmatisch zum Lausen diente. Kleine Glasperlen oder Steinchen lassen vor dem inneren Auge Kinder entstehen, die vielleicht in den verlassenen römischen Ruinen spielten, dort bunte Scherben entdeckten und ihre Schätze in kleinen Lederbeuteln sammelten – so wie Kinder heute noch Fundstücke vom Wegesrand hüten. Geschichte verliert so ihre museale Distanz und wird menschlich, nah und erstaunlich vertraut.

Matthias Raidt versteht es, die Funde nicht nur sachlich zu erläutern, sondern ihnen eine persönliche Dimension zurückzugeben. Den anonymen Skeletten hat er Namen gegeben, die in ihre jeweilige Zeit passen – so wird etwa aus einer Grabnummer „Irmhilde, Waldo, Wilborada oder Tuotilo“. Diese behutsame Form der Annäherung schafft Nähe, ohne die wissenschaftliche Präzision zu verlieren.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der neu gestalteten Bischofsgruft. Hier finden die Rottenburger Bischöfe ihre letzte Ruhestätte in einem Raum, der historische Kontinuität und moderne architektonische Gestaltung verbindet. Raidt erläutert anschaulich, wie diese Gruft konstruiert wurde, welche technischen und konservatorischen Überlegungen eine Rolle spielten und wie ihre zukünftige Pflege gesichert ist. Die Gruft ist nicht nur Ort der Erinnerung, sondern Ausdruck eines lebendigen Umgangs mit Geschichte.

So wird deutlich, dass die Sülchenkirche weit mehr ist als ein spätmittelalterliches Bauwerk. Sie ist ein vielschichtiger Erinnerungsort, an dem sich vorchristliche Spuren, frühmittelalterliche Bestattungen, bischöfliche Tradition und moderne Denkmalpflege begegnen. In der kundigen Begleitung von Matthias Raidt entfaltet sich diese Geschichte in all ihrer Tiefe – kenntnisreich, differenziert und zugleich mit jener erzählerischen Kraft, die Vergangenheit greifbar macht.

Beim gemeinsamen Mittagessen im Martinshof Rottenburg ließen wir die Führung noch einmal Revue passieren – und so fand ein überaus erlebnisreicher und erkenntnisgesättigter Vormittag in angeregten Gesprächen einen ebenso genussvollen wie würdigen Ausklang.